Ende August saß ich mit meinem Laptop draußen im Garten. Neben mir eine Tasse Kakao, vor mir der Rechner und um mich herum diese Ruhe, die ich gerade besonders genossen habe, weil ich wusste, dass die letzten Sommertage langsam gezählt sind.
Von außen betrachtet sah dieser Arbeitsplatz wahrscheinlich nicht besonders nach Arbeit aus. Und genau darüber musste ich später noch einmal nachdenken.
Wir verbinden Arbeit häufig mit sichtbarer Aktivität. Wir beantworten E-Mails, arbeiten Aufgaben ab, führen Gespräche oder erstellen Unterlagen. Am Ende eines solchen Tages lässt sich ziemlich genau sagen, was wir geschafft haben.
Schwieriger wird es mit den Phasen, in denen scheinbar nichts entsteht. Wenn wir nachdenken, beobachten, einer Frage länger nachgehen oder erst einmal versuchen zu verstehen, warum etwas eigentlich so kompliziert geworden ist.
Dabei sind genau das häufig die Momente, in denen meine wichtigste Arbeit passiert.
Ruhe im Arbeitsalltag ist etwas anderes als Pause
Wenn wir über mehr Ruhe im Arbeitsalltag sprechen, denken wir schnell an Pausen. Und natürlich sind Pausen wichtig. Mir geht es um etwas anderes.
Ich glaube, dass wir mehr Ruhe in unserer Arbeit brauchen. Die Möglichkeit, einen Gedanken zu Ende zu denken, bevor die nächste Nachricht unsere Aufmerksamkeit fordert. Eine Situation erst einmal zu beobachten, bevor wir nach einer Lösung suchen. Bei einer Frage zu bleiben, auch wenn die Antwort noch nicht sofort sichtbar ist.
Das kann von außen erstaunlich unspektakulär aussehen und trotzdem sehr produktiv sein. Denn genau dort entsteht etwas, das unter permanentem Zeit- und Handlungsdruck schnell verloren geht: Abstand.
Unter Druck sehen wir vor allem das, was unmittelbar vor uns liegt
Ich kenne das von mir selbst. Wenn viel gleichzeitig passiert, verändert sich mein Blick. Dann denke ich stärker in nächsten Schritten: Was muss erledigt werden? Worauf muss ich reagieren? Was darf ich auf keinen Fall vergessen?
Das ist physiologisch durchaus sinnvoll. Unter Anspannung bündelt unser Körper die Aufmerksamkeit stärker auf das, was unmittelbar relevant erscheint. In Situationen, in denen wir schnell reagieren müssen, ist das hilfreich.
Komplexe Fragen verlangen allerdings häufig etwas anderes. Wir müssen Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Informationen miteinander verbinden, abwägen und manchmal auch aushalten, dass eine Lösung nicht sofort sichtbar wird.
Dafür brauche zumindest ich einen weiteren Blick. Und der entsteht selten in Hektik.
Komplexität entsteht auch, wenn uns die Zeit zum Sortieren fehlt
Dieser Gedanke beschäftigt mich besonders, wenn ich auf Organisation schaue.
Denn vieles, was im Arbeitsalltag irgendwann kompliziert geworden ist, war ursprünglich gar nicht so gedacht. Ein Ablauf wird ergänzt, weil eine neue Situation auftaucht. Für ein Problem wird eine zusätzliche Regel eingeführt. Eine weitere Liste kommt dazu oder ein neues Tool soll etwas vereinfachen, während das alte sicherheitshalber trotzdem bestehen bleibt.
Jede einzelne Entscheidung kann in ihrem Moment vollkommen nachvollziehbar gewesen sein. Irgendwann liegt trotzdem Schicht auf Schicht.
Wenn wir dann hauptsächlich damit beschäftigt sind, dieses entstandene System am Laufen zu halten, fehlt ausgerechnet die Zeit, die wir bräuchten, um einmal mit etwas Abstand daraufzuschauen.
Dann versuchen wir womöglich, ein komplex gewordenes System noch besser zu organisieren, obwohl eine ganz andere Frage hilfreicher wäre:
Was davon brauchen wir überhaupt noch?
Genau an dieser Stelle beginnt für mich gute Organisation. Ich möchte nicht als Erstes eine neue Struktur, eine weitere Checkliste oder ein neues Tool entwickeln. Ich möchte zunächst verstehen, was da ist und warum es so geworden ist.
Ich beobachte, sortiere und vereinfache
Je länger ich arbeite, desto deutlicher erkenne ich darin einen roten Faden.
Wenn ich in ein Unternehmen oder eine Praxis komme, schaue ich mir zunächst an, wie gearbeitet wird. Ich höre zu, frage nach und versuche zu erkennen, wo etwas unnötig kompliziert geworden ist oder wo die eigentliche Ursache für ein Problem liegt.
Erst danach beginnt für mich die Gestaltung.
Manchmal entsteht daraus ein neuer Ablauf oder eine Checkliste. Manchmal müssen Verantwortlichkeiten klarer werden. Und manchmal besteht die beste Lösung tatsächlich darin, etwas wegzulassen.
Ich beobachte, sortiere und vereinfache.
Nicht mit dem Ziel, dass am Ende möglichst wenig übrig bleibt. Ich möchte erreichen, dass das Unnötige nicht länger den Blick auf das Wesentliche verstellt und Arbeit dadurch wieder klarer wird.
Auch Selbstführung braucht diesen Raum
Was ich in Unternehmen und Praxen beobachte, begegnet mir auch im eigenen Arbeitsalltag.
Wir übernehmen Aufgaben, entwickeln Routinen, reagieren auf Erwartungen und gewöhnen uns an Dinge, die irgendwann einmal sinnvoll waren. Während wir versuchen, all das möglichst gut zu bewältigen, stellen wir uns allerdings erstaunlich selten die Frage, ob wir es überhaupt noch brauchen.
Für mich gehört genau das zu Selbstführung.
Es geht nicht immer darum, herauszufinden, wie ich alles besser schaffe. Manchmal muss ich zuerst wahrnehmen, was da eigentlich alles ist.
Was ist gerade wirklich wichtig? Was unterstützt mich bei dem, was ich tun möchte? Und was nimmt Zeit, Aufmerksamkeit oder Energie in Anspruch, obwohl es meinen Alltag inzwischen eher komplizierter macht?
Solche Fragen lassen sich für mich nicht besonders gut zwischen zwei Terminen beantworten.
Sie brauchen Raum.
Weniger entsteht nicht durch hektisches Aussortieren
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich das Prinzip des Weglassens inzwischen so sehr beschäftigt.
Ich verstehe darunter keinen Minimalismus, bei dem möglichst wenig übrig bleiben soll. Mich interessiert das Weglassen, weil dadurch etwas anderes wieder sichtbar werden kann.
Eine Priorität. Ein guter Ablauf. Eine Entscheidung. Oder ein Gedanke, der schon länger da war, zwischen all dem anderen aber keinen Platz bekommen hat.
Dafür muss ich nicht schneller werden.
Ich muss manchmal einfach lange genug hinschauen, um zu erkennen, was ich nicht mehr brauche.
Ruhe schafft Platz für Klarheit
Ich merke selbst noch, wie ungewohnt es manchmal ist, diese Form der Arbeit genauso ernst zu nehmen wie alles, was am Ende ein sichtbares Ergebnis produziert.
Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und eine Checkliste fertigstelle, ist offensichtlich, dass ich gearbeitet habe. Wenn ich mit einer Tasse Kakao im Garten sitze und über eine Frage nachdenke, fühlt sich das manchmal immer noch anders an.
Dabei weiß ich längst, wie häufig genau dort die Gedanken entstehen, aus denen später etwas sehr Konkretes wird.
Deshalb möchte ich Ruhe und Gelassenheit noch selbstverständlicher in meine Arbeit integrieren. Nicht erst nach der Arbeit und auch nicht ausschließlich als Pause von ihr, sondern als eine Art, wie ich arbeiten möchte.
Denn wenn Klarheit dadurch entsteht, dass wir Komplexität reduzieren, müssen wir uns zuerst den Raum geben, genau hinzuschauen, bevor wir entscheiden, was bleiben darf und was nicht mehr gebraucht wird.
Und vielleicht beginnt Vereinfachung deshalb viel früher, als wir häufig denken.
Mit der Ruhe, überhaupt erst erkennen zu können, was wirklich wichtig ist.