Der Herbst beginnt nicht an einem einzigen Tag.
Natürlich gibt es einen kalendarischen Herbstanfang. Aber wenn ich nach draußen schaue, hält sich die Natur nicht besonders genau daran. Manche Bäume tragen noch ihr sattes Grün, während sich an anderen längst die ersten Blätter verfärben. Morgens ist die Luft kühler, am Nachmittag kann es sich noch einmal nach Sommer anfühlen.
Ich mag diese Zeit des Übergangs sehr.
Vielleicht auch deshalb, weil sie sichtbar macht, dass Veränderung selten von einem Moment auf den anderen geschieht.
Ein Baum wirft schließlich nicht mit Beginn des Herbstes alle Blätter gleichzeitig ab. Er verändert sich nach und nach. Und während von außen lange nur wenig davon zu sehen ist, laufen längst Prozesse ab, die ihn auf die kommende Jahreszeit vorbereiten.
Ich glaube, dass wir uns selbst diese Zeit deutlich seltener zugestehen.
Wir erkennen Fortschritt leichter, wenn etwas entsteht
Unser Arbeitsalltag ist stark auf sichtbare Ergebnisse ausgerichtet.
Wir erledigen eine Aufgabe, schließen ein Projekt ab, treffen eine Entscheidung oder entwickeln etwas Neues. Am Ende können wir sehen, was wir geschafft haben.
Auch persönliche Entwicklung betrachten wir häufig auf diese Weise.
Wir möchten etwas verändern, ein Ziel erreichen oder endlich den nächsten Schritt gehen. Wir suchen nach dem, was wir tun können, damit es vorangeht.
Viel schwieriger ist es, einen Prozess als Fortschritt anzuerkennen, bei dem zunächst gar nichts Neues entsteht.
Wenn wir aufhören, etwas weiterzuverfolgen. Eine Erwartung hinterfragen, die uns lange begleitet hat. Eine Aufgabe abgeben. Uns von einer Vorstellung verabschieden oder langsam merken, dass etwas, das lange zu uns gehört hat, nicht mehr richtig passt.
Von außen ist davon möglicherweise kaum etwas zu sehen.
Und trotzdem kann genau das sehr viel innere Arbeit sein.
Loslassen lässt sich nicht einfach abhaken
Ich finde das Wort Loslassen manchmal fast ein bisschen irreführend.
Es klingt so, als müssten wir nur die Hand öffnen und schon wäre etwas weg.
In Wirklichkeit funktioniert es häufig anders.
Wir können längst wissen, dass eine Aufgabe nicht mehr zu uns passt, und sie trotzdem weiter übernehmen. Wir können eine Entscheidung eigentlich getroffen haben und innerlich noch eine ganze Weile mit ihr beschäftigt sein. Wir können verstehen, dass eine bestimmte Erwartung uns nicht guttut, und trotzdem merken, wie vertraut sie uns geworden ist.
Gerade wer es gewohnt ist, zuverlässig zu funktionieren und Verantwortung zu übernehmen, kennt diese Bewegung sehr gut: Wir machen einfach weiter.
Loslassen verlangt etwas anderes.
Es verlangt manchmal, eine Weile auszuhalten, dass noch nicht klar ist, was an die Stelle dessen treten wird, was wir nicht mehr weitertragen möchten.
Und das kann sich erstaunlich ungewohnt anfühlen.
Vertraut bedeutet nicht automatisch richtig
Wir Menschen orientieren uns gerne an dem, was wir kennen.
Gewohnte Abläufe, Rollen und Erwartungen verlangen weniger Neuorientierung als Situationen, deren Ausgang noch offen ist. Das Vertraute ist einschätzbar. Wir wissen, wie wir uns darin bewegen können, selbst wenn es uns vielleicht längst nicht mehr besonders guttut.
Deshalb kann sich auch eine Veränderung, die wir bewusst gewählt haben, zunächst unangenehm anfühlen.
Loslassen kann gleichzeitig richtig und ungewohnt sein.
Für mich ist das ein wichtiger Gedanke.
Denn wenn eine Veränderung Unruhe auslöst, bedeutet das nicht automatisch, dass sie falsch ist. Manchmal braucht unser gesamtes System einfach etwas Zeit, um sich auf etwas Neues einzustellen.
Gerade Menschen, die Veränderungen, Stimmungen und äußere Reize sehr fein wahrnehmen, können solche Übergänge möglicherweise besonders deutlich spüren. Während äußerlich noch vieles seinen gewohnten Gang geht, ist innerlich längst Bewegung entstanden.
Auch das kostet Kraft.
Und vielleicht dürfen wir genau das etwas ernster nehmen.
Selbstführung bedeutet nicht immer, den nächsten Schritt zu kennen
Wenn wir über Selbstführung sprechen, geht es häufig darum, Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen oder Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Das gehört für mich selbstverständlich dazu.
Aber ich glaube, Selbstführung zeigt sich ebenso in der Fähigkeit, immer wieder zu überprüfen, was ich eigentlich noch weitertragen möchte.
Nicht jede Aufgabe, die ich einmal übernommen habe, muss für immer meine bleiben. Nicht jede Routine, die mir einmal geholfen hat, muss weiterhin sinnvoll sein. Und nicht jede Vorstellung davon, wie ich arbeiten oder leben sollte, passt automatisch noch zu mir.
Manchmal kann der nächste Schritt deshalb auch bedeuten, etwas nicht mehr fortzuführen.
Das klingt zunächst einfacher.
Ist es aber nicht unbedingt.
Beim Loslassen kann zunächst eine Lücke entstehen. Wir wissen, was nicht mehr bleiben soll, aber vielleicht noch nicht, was danach kommt.
Diese Lücke nicht sofort wieder zu füllen, kann gerade dann schwerfallen, wenn wir es gewohnt sind, aktiv zu sein und Dinge voranzubringen.
Nicht jede innere Arbeit ist sichtbar
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir in solchen Phasen manchmal das Gefühl bekommen, nichts zu schaffen.
Wir können nicht zeigen, was wir gerade losgelassen haben.
Es gibt keinen fertigen Projektplan, keinen abgehakten Punkt und manchmal noch nicht einmal eine endgültige Entscheidung.
Vielleicht merken wir nur, dass wir einer Sache nicht mehr dieselbe Bedeutung geben wie früher. Dass wir uns nicht mehr ganz so verantwortlich fühlen. Dass ein Gedanke, der uns lange beschäftigt hat, langsam leiser wird.
Solche Veränderungen sind schwer zu messen. Manchmal bemerken wir ihre Wirkung sogar erst viel später.
Ich glaube, hier dürfen wir milder mit uns werden.
Nicht jede Phase unseres Lebens muss von außen nach Fortschritt aussehen. Nicht jede Entwicklung muss sofort zu einem sichtbaren Ergebnis führen.
Manche Dinge brauchen Zeit, um sich innerlich zu sortieren, bevor sich im Außen überhaupt etwas verändert.
Die Natur lässt sich Zeit mit dem Übergang
Vielleicht mag ich den Herbst auch deshalb so sehr.
Die Natur zeigt ziemlich selbstverständlich, dass Rückzug und Loslassen nicht bedeuten, dass nichts geschieht.
Und sie versucht auch nicht, den Übergang möglichst effizient hinter sich zu bringen.
Ein Blatt verfärbt sich. Ein anderes bleibt noch eine Weile grün. Nach und nach verändert sich das Bild.
Natürlich sind wir keine Bäume, und unser Leben folgt keinem so eindeutigen jahreszeitlichen Rhythmus. Trotzdem finde ich den Gedanken hilfreich, dass Übergänge Zeit brauchen dürfen.
Wir müssen nicht am ersten kühleren Morgen entscheiden, was in unserem Leben alles gehen soll.
Vielleicht reicht es zunächst, genauer wahrzunehmen.
Was fühlt sich inzwischen schwerer an, als es sein müsste? Welche Aufgabe trage ich weiter, obwohl sie eigentlich nicht mehr meine ist? Welche Erwartung begleitet mich, obwohl ich gar nicht mehr sicher bin, ob ich ihr noch entsprechen möchte?
Und wo merke ich vielleicht schon länger, dass sich etwas verändert, ohne bisher genau sagen zu können, wohin?
Nicht auf jede dieser Fragen braucht es sofort eine Antwort.
Auch Loslassen braucht Milde
Natürlich bleiben wir auch im Herbst aktiv. Unser Alltag geht weiter und neue Dinge beginnen. Gleichzeitig erinnert uns diese Jahreszeit daran, dass Entwicklung auch dadurch entstehen kann, dass etwas weniger wird.
Manchmal entsteht Klarheit genau dadurch.
Eine Verpflichtung verliert an Bedeutung. Eine Erwartung passt nicht mehr zu uns. Oder wir merken langsam, dass wir nicht immer auf dieselbe Weise funktionieren möchten wie bisher.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht sofort entscheiden, was wir in diesem Herbst alles loslassen wollen.
Wir können zunächst wahrnehmen, was ohnehin bereits in Bewegung geraten ist.
Was nicht mehr ganz passt. Was seine Bedeutung verändert hat. Was wir möglicherweise nur noch weitertragen, weil es vertraut ist.
Und uns dafür dieselbe Zeit zugestehen, die wir draußen jeden Tag beobachten können.
Denn Loslassen ist kein Moment. Es ist ein Prozess. Und auch dieser Prozess ist Arbeit, selbst wenn von außen lange kaum etwas davon zu sehen ist.