Ich kann ziemlich gut funktionieren.
Ich kann Aufgaben erledigen, Termine einhalten und auch dann noch Dinge zu Ende bringen, wenn ein Tag eigentlich schon voll genug ist. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein.
Viele von uns haben früh gelernt, Verantwortung vor allem mit dem zu verbinden, was getan werden muss. Wir kümmern uns darum, dass etwas funktioniert, halten Zusagen ein und haben dabei meistens ziemlich genau im Blick, was noch getan werden muss.
Daran ist zunächst einmal nichts falsch.
Unsere Fähigkeit zu funktionieren ist schließlich auch etwas Wertvolles. Sie hilft uns, Verantwortung zu übernehmen, verlässlich zu sein und Dinge zu bewältigen, die nun einmal zu unserem Leben gehören.
Schwierig wird es für mich an einer anderen Stelle.
Wenn wir Verantwortung fast ausschließlich für das übernehmen, was wir leisten müssen, und dabei vergessen, dass es noch etwas gibt, für das wir ebenfalls verantwortlich sind: unser eigenes Wohlbefinden.
Wohlbefinden sollte keine Restgröße sein
Ich glaube, wir haben uns ziemlich daran gewöhnt, Wohlbefinden zeitlich hinter unseren Verpflichtungen einzuordnen. Wenn die Arbeit erledigt ist, darf ich mich ausruhen. Wenn die wichtigen Dinge geschafft sind, kann ich etwas Schönes machen. Wenn wieder etwas mehr Zeit ist, kümmere ich mich um mich.
Nur kommt dieser Zeitpunkt erstaunlich selten.
Denn Arbeit ist selten vollständig erledigt und eine To-do-Liste hat die unangenehme Eigenschaft, sich ziemlich zuverlässig wieder zu füllen.
Wenn Wohlbefinden also immer erst dann stattfinden darf, wenn alles andere seinen Platz bekommen hat, bleibt dafür häufig nur das übrig, was am Ende noch an Zeit und Energie vorhanden ist.
Und manchmal ist das nicht besonders viel.
Für mich zeigt sich genau hier, wie eng Selbstführung und Wohlbefinden miteinander verbunden sind. Mein Wohlbefinden darf denselben selbstverständlichen Platz in meinem Leben haben wie die Dinge, für die ich Verantwortung übernommen habe.
Es geht um ein Nebeneinander
Vielleicht haben wir lange in einer Art Reihenfolge gedacht. Zuerst kommt das, was erledigt werden muss. Danach das, was uns guttut. Leistung und Wohlbefinden stehen dadurch fast automatisch hintereinander. Und meistens gewinnt das, was dringender erscheint. Ich frage mich inzwischen, ob wir diese Reihenfolge überhaupt brauchen.
Was wäre, wenn wir beides stärker nebeneinander betrachten?
Dann muss ein Spaziergang nicht darauf warten, dass die gesamte To-do-Liste erledigt ist. Und vielleicht darf ich mir auch einfach Zeit für etwas nehmen, das mir Freude macht, obwohl noch andere Dinge zu tun wären.
Wohlbefinden wird dadurch nicht wichtiger als Verantwortung. Es wird selbst zu einem Teil davon.
Wir haben das Funktionieren lange geübt
Dass sich dieser Gedanke ungewohnt anfühlen kann, überrascht mich eigentlich nicht. Funktionieren wurde gesellschaftlich lange ausgesprochen positiv bewertet. Wer viel schafft, zuverlässig ist, sich kümmert und Belastungen aushält, bekommt dafür häufig Anerkennung.
Und natürlich braucht eine Gesellschaft Menschen, die Verantwortung übernehmen. Unternehmen brauchen Verlässlichkeit, Familien brauchen Menschen, die sich umeinander kümmern, und manche Dinge müssen tatsächlich erledigt werden, auch wenn wir gerade keine große Lust darauf haben.
Das Problem ist für mich deshalb nicht unsere Fähigkeit zu funktionieren. Es entsteht, wenn das Funktionieren so selbstverständlich geworden ist, dass wir kaum noch bemerken, wann wir uns selbst darin verlieren.
Dann wird aus einer Fähigkeit langsam ein Automatismus.
Wir machen weiter, weil wir es gewohnt sind. Die nächste Aufgabe ist sichtbar und verlangt nach unserer Aufmerksamkeit. Was uns selbst guttun würde, meldet sich häufig wesentlich leiser.
So kann ein Hamsterrad entstehen, das gar nicht unbedingt dramatisch aussehen muss. Vielleicht funktioniert unser Leben sogar ziemlich gut. Nur wir selbst kommen darin immer seltener vor.
Aus einem Hamsterrad steigt man selten mit einem großen Sprung aus
Wenn wir das irgendwann bemerken, liegt der nächste Optimierungsgedanke erstaunlich nah. Dann nehmen wir uns vielleicht vor, künftig besser auf uns zu achten, mehr Pausen zu machen oder endlich eine Routine zu entwickeln, die uns guttut.
Und plötzlich haben wir eine neue Liste. Eine Liste mit Dingen, die wir tun sollen, damit es uns besser geht. Ich glaube nicht, dass wir uns damit einen Gefallen tun.
Denn dann behandeln wir unser Wohlbefinden nach derselben Logik, mit der wir vorher schon unsere Leistung organisiert haben.
Vielleicht braucht Veränderung an dieser Stelle weniger Disziplin und mehr Geduld.
Wenn wir über Jahre daran gewöhnt waren, zuerst auf Anforderungen zu reagieren, wird sich das nicht innerhalb weniger Tage verändern. Wir werden wahrscheinlich immer wieder merken, dass die Arbeit doch zuerst kommt oder dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir etwas Schönes tun, obwohl noch Aufgaben offen sind.
Auch das gehört für mich dazu. Gewohnheiten verändern sich nicht dadurch, dass wir uns dafür kritisieren, dass wir sie haben. Sie verändern sich nach und nach, wenn wir beginnen, etwas anderes zu üben.
Was nährt Dich eigentlich?
Ich mag diese Frage. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so wenig mit Selbstoptimierung zu tun hat.
Was nährt Dich?
Ich mag die Frage, weil sie den Blick für einen Moment weg davon lenkt, was wir eigentlich tun sollten. Mich interessiert vielmehr, was Dir tatsächlich guttut. Das kann ein Spaziergang sein oder ein Gespräch. Vielleicht brauchst Du Zeit draußen oder möchtest einfach eine Weile nichts aufnehmen müssen.
Was uns nährt, sieht für jeden Menschen anders aus. Und vielleicht müssen wir daraus auch gar kein festes Ritual machen. Es reicht zunächst, wieder wahrzunehmen, was uns Freude macht, beruhigt, interessiert oder uns das Gefühl gibt, bei uns zu sein.
Wohlbefinden braucht keinen Leistungsnachweis
Gerade bei Erholung merke ich, wie schnell wir ihr wieder einen Zweck geben. Wir schlafen ausreichend, damit wir am nächsten Morgen konzentrierter arbeiten können. Wir gehen spazieren, damit der Kopf wieder frei wird. Wir machen Urlaub, um danach erholt zurückzukommen.
All das kann natürlich passieren. Aber ich finde den Gedanken zunehmend wichtig, dass Wohlbefinden keinen weiteren Nutzen erfüllen muss. Etwas darf Dir guttun, ohne Dich anschließend leistungsfähiger machen zu müssen.
Wenn ich mich um mein Wohlbefinden vor allem deshalb kümmere, damit ich anschließend wieder besser funktioniere, bleibt die Leistung weiterhin der Maßstab.
Ich möchte meinem Wohlbefinden einen eigenen Wert zugestehen. Dann darf etwas schön sein, weil es schön ist.
Selbstführung darf sich auch gut anfühlen
Vielleicht habe ich deshalb inzwischen Schwierigkeiten mit dem Begriff Selbstverbesserung oder Selbstoptimierung. Er klingt für mich schnell danach, als wäre der Mensch ein Projekt, an dem ständig noch etwas optimiert werden müsste.
Dabei kann persönliche Entwicklung auch sehr viel leiser sein.
Vielleicht besteht sie darin, früher zu bemerken, wann etwas zu viel wird. Oder darin, mir Zeit für etwas zu nehmen, das mir Freude macht, obwohl meine Aufgabenliste noch nicht vollständig abgearbeitet ist.
Manchmal verändert sich vielleicht nur die Reihenfolge in meinem Kopf. Mein Wohlbefinden steht dann nicht mehr irgendwo hinter all den Dingen, die vermeintlich wichtiger sind. Es steht daneben.
Und bis sich das selbstverständlich anfühlt, darf es dauern.
Verantwortung für das eigene Leben
Für mich bedeutet Selbstführung deshalb inzwischen mehr, als meinen Alltag gut zu organisieren, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für meine Aufgaben zu übernehmen. Sie stellt mir auch eine andere Frage: Wie möchte ich eigentlich mit mir umgehen, während ich all diese Dinge tue?
Ich möchte zuverlässig sein und gute Arbeit machen. Und genauso möchte ich Verantwortung dafür übernehmen, dass in meinem Alltag Dinge ihren Platz haben, die mir guttun. Sie dürfen neben all dem anderen stehen und müssen nicht darauf warten, dass irgendwann alles erledigt ist.
Vielleicht müssen wir dafür gar nicht sofort unser ganzes Leben verändern.
Wir können damit beginnen, wahrzunehmen, welchen Dingen wir ganz selbstverständlich Raum geben und bei welchen wir noch immer glauben, dass wir uns diesen Raum erst verdienen müssen.
Und dann nach und nach etwas verschieben. Ohne daraus das nächste Projekt zu machen. Mit etwas Geduld für die Gewohnheiten, die uns lange begleitet haben.
Denn gute Selbstführung zeigt sich für mich nicht daran, wie gut ich mich selbst zum Funktionieren bringe.
Sie zeigt sich auch darin, dass mein eigenes Wohlbefinden in dem Leben, für das ich Verantwortung übernehme, einen selbstverständlichen Platz bekommt.